Frankfurter Rundschau, 31.08.2011

TRITTBRETTFAHRER

Ein Pärchen zündete in Berlin ein Auto an – dabei beobachtete sie ein Anwohner, der die Polizei alarmierte. Die Beamten vermuten, dass die zwei mutmaßlichen Täter Trittbrettfahrer waren.
Erstmals in der jüngsten Serie von Brandanschlägen hat die Berliner Polizei zwei mutmaßliche Täter festgenommen – dank der Hilfe eines aufmerksamen Bürgers. Der Glas- und Gebäudereiniger René S. hörte gegen 5 Uhr ein Geräusch auf der ansonsten ruhigen Ibsenstraße im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. Als er aus dem Fenster sah, bemerkte er auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein junges Pärchen. S. dachte, es handele sich um die Autobesitzer, die wegfahren wollten und schöpfte zunächst keinen Verdacht. Als er jedoch das nächste Mal aus dem Fenster schaute, brannte der BMW. S. rief die Polizei.
Kurz bevor die Beamten eintrafen, ging die Frau noch einmal zu dem brennenden Auto und filmte die Flammen mit ihrem Handy. An einer Straßenkreuzung gelang es den Beamten, den 27-jährigen Matthias T. und die 23-jährige Anne J. festzunehmen. Die Frau erzählte den Polizisten, dass sie bloß ein Video habe drehen wollen. Der Mann schwieg.
Nach zahllosen Brandnächten, in denen immer wieder in Berlin Autos abgefackelt wurden, scheint die Polizei nun einen Erfolg verbuchen zu können, auch wenn die von der Bundespolizei zur Verstärkung geschickten „Brandstreifen“ zur Tatzeit in einem anderen Berliner Stadtteil unterwegs waren. „Das ist ein schöner Erfolg und ein deutliches Signal an die Täter, dass wir ihnen auf den Fersen sind“, sagte der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Bodo Pfalzgraf. „Es ist auch ein Zeichen, dass die Anwohner nicht wegschauen.“ Auch in den vergangenen Nächten hatten aufmerksame Zeugen nach Brandlegungen an Autos in mehreren Fällen selbst gelöscht oder die Polizei informiert.
Trittbrettfahrer legen Brände
Mit der Festnahme der beiden mutmaßlichen Brandstifter scheint sich aber zu bewahrheiten, was die Polizei in den letzten Wochen vermutete: Weniger als die Hälfte der Brandstiftungen werden von Anhängern der linken Szene, sondern vielmehr von Pyromanen oder Trittbrettfahrern begangen. Die beiden Festgenommenen werden von den Staatsschützern nicht als szenezugehörig eingeschätzt. Sie sind der Polizei bisher nur als Cannabis-Konsumenten aufgefallen.
Nachahmertaten wie gestern machen der Polizei die Aufklärung besonders schwer, weil die Brandstifter keiner von Fahndern observierten Szene entstammen, sondern alleine handeln. Weil die Brände sich nicht mehr nur auf bestimmte Bezirke sondern über das gesamte Stadtgebiet erstreckten, änderte die Polizei vor zwei Wochen ihre Strategie. Sie zieht jetzt in jeder Nacht ihre FAO-Abteilungen (Fahndung, Aufklärung, Observation) der sechs örtlichen Direktionen hinzu. Zudem helfen in jeder Nacht zwischen 100 und 500 zusätzliche Fahndungskräfte der Bundespolizei. Für Hinweise, die zur Überführung und der Verurteilung von Brandstiftern führen, hat die Polizei eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro ausgesetzt.
In der Vergangenheit kamen immer wieder mutmaßliche Brandstifter frei, deren Täterschaft sich die Polizei völlig sicher war. Den Richtern hatten die Beobachtungen der Beamten jedoch nicht genügt.

Im Archiv stöbern