Kölner Express, 20.10.2010

Stephanie zu Guttenberg in der Kritik

Von JÜRGEN DREVES und HARALD STUTTE

Diesem Lächeln kann sich kaum jemand entziehen: 1,21 Millionen Zuschauer sahen am Montag Stephanie zu Guttenberg – die Frau des Verteidigungsministers, die bereits als künftige Kanzlergattin gehandelt wird – wie sie vor laufender Kamera pädophile Sexgangster aufspürt.

Das Engagement der Freifrau, zum Beispiel im Verein „Innocence in Danger“, der sich mit den Missbrauchs-Gefahren für chattende Kinder und Jugendliche beschäftigt, ist über alle Zweifel erhaben. Grundsätzlich verdient ihr Kampf gegen Pädophilie höchste Anerkennung.

Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, findet die RTL2-Sendung „Tatort Internet“ „absolut richtig“. Wendt zum EXPRESS: „Wir begrüßen das, weil so der Druck auf Pädophile im Internet dauerhaft erhöht wird.“ Auch die Polizei gehe erfolgreich gegen Pädophile im Internet vor. So laufen im Bereich Kinderpornografie Hunderte Strafverfahren, die auf die Arbeit der Polizei zurückzuführen sind.

Dennoch fordert Wendt weitere Maßnahmen. „Vor allem der rechtliche Rahmen muss erweitert werden. So brauchen wir z. B. die Möglichkeit, Scheingeschäfte zu tätigen, wie es im Bereich Rauschgiftkriminalität üblich ist. Wichtig ist vor allem die Vorratsdatenspeicherung. Und drittens brauchen wir bei der Polizei 2.000 neue Stellen für die Bekämpfung der Internetkriminalität.“ Allerdings werde die Polizei auch dann nicht – wie bei RTL2 – mit Lockvögeln arbeiten. Wendt: „Das sind nicht unsere Methoden.“

Doch jetzt steht ihr Auftritt in der reißerischen RTL2-Sendung „Tatort Internet“ plötzlich am Pranger: Politiker und Kinderschützer werfen dem Sender – und damit auch Frau Guttenberg, die neben dem Hamburger Ex-Innensenator Udo Nagel die Sendung moderiert – Selbstjustiz vor. Denn zumindest einer der enttarnten „Sex-Ekel“, Leiter eines Kinderdorfes, ist seit seiner „Überführung“ verschollen. Was, wenn sich der 61-Jährige etwas angetan hat?

Die Vorwürfe gegen RTL 2:
Anstiftung zum Missbrauch stellt eine Straftat dar. In der Sendung posiert eine erwachsene Journalistin im Internet-Chat als Teen, verabredet sich mit Pädophilen. Wären die Lockvögel Spitzel der Ermittlungsbehörden, wäre alles rechtens. Kritisiert wird aber, dass RTL 2 auf eigene Faust Täter jagt und die Polizei nicht einbezieht – wie beim US-Vorbild „To Catch a Predator“ üblich.

Monate lang blieb ein Überführter als Leiter eines Jugenddorfes im Amt, weil RTL2 die im Mai produzierte Sendung erst im Oktober ausstrahlte. Die Staatsanwaltschaft hätte viel früher aktiv werden können, doch RTL2 hielt mit Blick auf die Sendung die Informationen für sich.

Unzureichender Schutz der Persönlichkeit Schlecht gepixelte Bilder führten dazu, dass Verdächtige einem Millionenpublikum präsentiert wurden. Doch auch potenzielle Täter haben bis zur ihrer rechtskräftigen Verurteilung ein Recht auf Personenschutz.

Nach öffentlichem regt sich jetzt auch politischer Protest. „Die Sache stinkt“, so Jerzy Montag, rechtspolitischer Sprecher der Grünen, zum EXPRESS. „Hier wird ein heikles, trauriges Thema missbraucht, um im Privatfernsehen Quote und damit Profit zu machen. Frau Guttenberg sollte ihre Finger von Dingen lassen, von denen sie nichts versteht.“

Auch Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bremst. „Öffentlichen Pranger braucht der Rechtsstaat nicht. Wir müssen aufpassen, dass es keine Vorverurteilungen gibt, bevor die Justiz ermittelt. Unsere Justiz ist ein hohes Gut. Das sollten wir bewahren“, sagte sie. Und erstmals musste die potenzielle Kanzlergattin lernen, dass das öffentliche Parkett auch verdammt glatt sein kann.

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